Gedankentexte

Sozialpornos

Ich gebe zu, ich schaue jeden Tag Pornos. Vor allem beim Essen, manchmal gleich wenn ich aufwache und den Laptop im Bett aufklappe, oder abends zum Einschlafen. Wenn man in meinen Browser „You“ eintippt folgt darauf allerdings nicht „Porn“, sondern „Tube“. Dort begegnet einem die geilste Art des Pornos – der Sozialporno.

In den kurzen, leicht verdaulichen Filmchen wenden sich mir die schönen, freundlichen Gesichter außerordentlich attraktiver und beliebter Menschen zu, sie sind mit mir alleine, meist im Bett, und wenn es gut läuft, sagen sie mir am Ende eines Videos, wie sehr sie mich lieben und schätzen und dass sie mir ihren Erfolg verdanken. Wir führen intime Gespräche, ich kann gut zuhören, wenn sie mir ihre Geheimnisse mitteilen und das Schönste: Meine „beste Freundin“ oder der heiße Sportlertyp sind immer bereit, Tag und Nacht.

Wenn ich also mein Mittagessen ohne Gesellschaft einnehme, dann fühle ich mich dabei wenigstens nicht alleine, weil mein Laptop mir gegenüber sitzt und dieses schlanke Mädchen erzählt, was sie gestern alles gegessen hat. Eigentlich ist das eine angenehme Alternative zu einem echten Essenspartner. Ich kann mich anstellen wie ich will, ohne mich zu schämen und werde dabei unterhalten. Nicht mit irgendwelchen Lebensdetails von irgendwem, nein, ich bin Zeuge des Tagesablaufes einer Person, die so wichtig ist, dass ihr Tausende folgen. Diese Berühmtheiten sind meine Freunde, immerhin teilen sie fast alles mit mir. Ich muss nichts für die scheinbare Aufmerksamkeit dieser auserlesenen Premium-Menschen tun, als auf YouTube zu gehen – wie geil. Die YouTube-Stars sind die schönen und beliebten Freunde, die ich mir immer gewünscht habe, weil mich ihr Interesse zu etwas Besonderem macht. Freunde von der Sorte, die sich in amerikanischen Highschool-Soaps gut machen würde.

Danke, YouTube! Ohne dich müsste ich es manchmal spüren, wenn ich alleine bin, esse, abends auf dem Sofa sitze oder gerade niemand für mich Zeit hat. Vielleicht habe ich sogar vergessen, wie sich das anfühlt, weil du immer für mich da bist, mit deinen Millionen Gesichtern.

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