Coronavirus Tagebuch von Effi Lind

Tagebuch vom Fensterbrett

Dieser Beitrag ist mein eigenes Pandemie-Tagebuch. Ein Coronavirus Tagebuch sozusagen. Hier teile ich meine Gedanken dazu. Kommentiert gerne, wie es euch damit geht. Manchmal tut es gut, über etwas zu sprechen und es mit anderen zu teilen. Das ist auch der Grund, warum ich mein Tagebuch hier veröffentliche. Ich werde diesen Post immer wieder mit neuen Einträgen aktuell halten.

Coronavirus Tagebuch Seite 1

Erster Tag zuhause

Essen wie vor einem Krieg. Aus Langeweile oder Angst. Nur Süßes, draußen hustet es. Die Welt geht unter. Ich möchte sagen, dass ich ruhig bin, aber ich google im 30-Minuten-Takt “Coronavirus”.

Die Zahlen steigen und ich bin unzufrieden. Es ist nicht so, wie ich es mir vorgestellt habe. Die Welt hat sich nicht verändert, meine Welt. Es ist wie ein Erdbeben, das man kaum spürt und doch erahnt. Abends im Bett fühle ich die Angst in meinem Körper. Ich sage ihr, dass sie archaisch ist und die Lage sei rational zu bewältigen. Mein Körper denkt anders. Ich schlafe schlecht.

Die Welt zittert, auch wenn manche Leute sich darüber lustig machen. Noch. Es ist eine insignifikante Krümmung des Alltags. Aber mein Körper fürchtet sich trotzdem. Ich höre Sirenen am Fenster und das Husten der Passanten. Alarm in meinem Kopf. Wie stelle ich das wieder ab? Ist die Angst durch die Augen gekommen oder die Ohren? Ich weiß es nicht mehr, spüre nur, dass mir das Atmen schwerer fällt als sonst abends im Bett.

Dabei weiß ich, was morgen kommt. Die Zahlen steigen, Türen schließen sich. Ansprachen und Maßnahmen. Trotzdem werde ich wieder Alarmsirenen hören im Kopf. Eigentlich frage ich mich nur: “Wann hört das wieder auf?” Die Welt in meinem Google News Feed.

Zweiter Tag Zuhause

Ich habe alles, was ich brauche zuhause. Sogar die Bibliothek konnte ich noch rechtzeitig plündern. Trotzdem komme ich nicht zum Lesen, weil ich zu unruhig bin. Bücher sind ein “langsames” Medium und außerdem recht alt. Mein Lesestoff darf nicht älter als eine Stunde sein. Heute beim Frühstück habe ich gelesen, dass Donald Trump keinen Coronavirus hat. Ich war nicht enttäuscht. Das hat mich selbst gewundert.

Dritter Tag Zuhause

Mittlerweile habe ich aufgehört, ständig Nachrichten zu lesen. Sie sind ohnehin nie neu. Das heißt, es ist keine Überraschung mehr. Es ist sehr leise geworden in Graz. Ich höre nur den Kuckuck rufen, der im Innenhof wohnt. Es ist noch niemand in der Stadt am Virus gestorben. Die Realität hat sich verschoben und ich finde mich in einer Zwischenwelt wieder, in der ich die Wohnung nicht verlassen darf. In Gedanken finde ich Quarantäne interessant. “Dass ich selbst so eine Krise erlebe.” Aber der Teil meiner Gefühle, die im Dunklen liegen, muss durchgedreht sein. Denn ich tue komische Dinge. Ich backe (grauenvoll schlechte) Kekse und esse trotzdem zehn davon. Ich gehe nicht ins Bett, weil ich mich getrieben fühle. Von was? Vielleicht ein Fluchtreflex.

Coronavirus-Tagebuch von Effi Lind
Die Straßen sind leer.

Vierter Tag – Sind wir im Krieg?

Ich bin angekommen zuhause. Das Bedürfnis, das Haus zu verlassen sinkt. Eigentlich ist da draußen nur eine Konsumlandschaft und das meiste davon brauche ich nicht. Eine leise Stimme aus einer dunklen Ecke meines Kopfes sagt: “Was ist, wenn das so bleibt? Wenn du vollkommen introvertiert in deiner Wohnung bleibst, während die anderen in den Straßen einen Siegestanz aufführen?” In den Zeitungen schreiben sie, dass wir im Krieg sind. Ist das Sehnsucht, weil unsere Generation noch keinen “eigenen” Krieg hatte? Wenn Krieg, dann möchte ich am Ende eine Feier haben, wie sie nach einer gewonnenen Schlacht ansteht. Der Unterschied zum Krieg besteht hierin: Wir wissen, dass wir gewinnen werden. In Frage steht nur, wie viele von uns jemanden oder gar das eigene Leben verlieren. Das klingt dramatisch, aber die Zeitungen haben damit angefangen, aus einer Pandemie einen Krieg zu basteln.

Tage vier, fünf und sechs verliefen auf einer Geraden

Es ist normal geworden, sich im kleinsten Radius zu bewegen. Mein Tagesablauf funktioniert schon fast. Ich lande nur noch gelegentlich in einem Computerspiel, wo ich stundenlang in eine andere Realität eintauche. Aber manche Dinge sind offensichtlich durcheinander. Meine Garderobe würde Kindern Angst einjagen und manchmal trinke ich mittags zur Arbeit ein Glas Wein. Vielleicht, um mir neue Freiräume zu schaffen, wenn nur noch wenig Platz bleibt. Um die Möglichkeiten des Lebens auszureizen. Momentan beschränkt sich mein Raum auf eine Gerade. Von der Küche ins Arbeitszimmer und zurück. Das ist der Highway meines Lebens. Alles andere sind geringe Abweichungen vom gewohnten Muster. Es ist eintönig, es waren andere Menschen, die mir Abwechslung gebracht haben und die fehlen mir sehr. Ich, als introvertiertes Wesen, vermisse Menschen und nahen Kontakt so sehr, dass ich oft am Fenster sitze und Passanten beobachte. Näher wird es im Moment nicht. Das fühlt sich aber immer noch echter an als ein Skype-Anruf.

Tage acht und neun – Welcher Tag ist heute?

Ich vergesse täglich, welcher Tag gerade ist. Wenn es keine Treffen und Termine gibt, sind alle Tage gleich. Damit ich Fortschritt sehe, habe ich mir ein neues Hobby gesucht, eigentlich sogar zwei – backen und essen. Langeweile bekämpfen durch essen. Sogar mein kleiner Bruder ruft mich an, weil er seit zwei Wochen in Quarantäne ist und dem Wahnsinn täglich näher kommt. Ich habe mir überlegt, mir einen Zwergspitz zuzulegen. Jetzt hätte ich genug Zeit, ihn zu trainieren. Aber dann denke ich an die eingesperrten Nachbarn und so ein junger Hund bellt zu viel.

Tage zehn und elf – Gesichtswindel

Die Pandemie trägt seltsame Früchte. Freitag Abend habe ich meine Nähkiste herausgeholt und eine Gesichtsmaske genäht. Oder eine Gesichtswindel – das ist Ansichtssache. Ich muss zugeben, dass ich zunehmend zweifle. Ist es wirklich die einzige Lösung, von Millionen von Menschen zu verlangen, ständig drinnen zu sitzen? Heute habe ich mir einen Spaziergang in der Sonne gegönnt – nichts kann das ersetzen. Tage- und wochenlang in der Wohnung zu bleiben, schlägt mir auf die Laune. Ich fühle mich zunehmend launisch und antriebslos. Deswegen werde ich auch nicht mehr auf meinen täglichen Spaziergang verzichten.

coronavirus Tagebuch von Effi

Tag zwölf – AUf der anderen Straßenseite

Zombie-Filme mochte ich schon immer, aber heute kann ich nicht aufhören “The Walking Dead” zu schauen. Mittlerweile gehen die Leute, die einem in der Stadt entgegenkommen, auf die andere Straßenseite. Früher hätte ich mir das gewünscht, es ist gut so, fühlt sich aber trotzdem komisch an. Wir sind alle so unerreichbar geworden. Deswegen bin ich dankbar für die jedes warme Wort. Die Nachrichten meiner Freunde geben mir das Gefühl, dass das Leben weitergeht. Die Zeitung hingegen lese ich kaum mehr, sie verhindert jede Form von Fokus, die ich gerade jetzt dringend brauche.

Tage dreizehn und vierzehn – Regeln

Neue Lebensumstände verlangen nach neuen Regeln. Regel Nummer eins habe ich gestern nacht beschlossen. Nach einem Streit konnte ich die ganze Nacht nicht schlafen. Also lautet die Regel: Streiten während einer Quarantäne kommt dich teuer zu stehen, also vermeide es. Es gibt keine Ausweichräume und keinen Ort zum “abkühlen”. Wer jetzt zu zweit ist, wird es lange bleiben. Im Guten wie in Schlechten, auch ohne Heirat. Und wer jetzt streitet, wird doppelt leiden.

Ich habe aufgehört zu zählen

Seit letzter Woche habe ich aufgehört, die Tage zu zählen. Es bringt nichts, macht mich nur unruhig. In letzter Zeit war ich oft wütend. Der Gedanke, nicht das zu bekommen, was ich zu brauchen glaube, ist schwer zu ertragen. Sonne, Frühling, Freunde – ich sehne mich so sehr danach.

Allerdings weiß ich, dass es nichts bringt, mich aufzuregen. Ich bin für meine Gefühle verantwortlich und es ist besser für mich (und meinen Freund und Quarantänepartner), wenn ich etwas Positives aus der Situation mache. Wenn ich so denke, kann ich besser mit den Beschränkungen umgehen. Immerhin habe ich es endlich geschafft, mir eine Routine aufzubauen. Ich habe begonnen zu boxen und laufen zu gehen.

Gestern bin ich zum ersten Mal mit Maske spazieren gegangen. Die gibt es jetzt in den Supermärkten und ich habe sie danach aufgelassen. Es ist komisch, wenn das Gesicht bis zur Nase bedeckt ist, erkenne ich mich kaum selbst. Die Frühjahrsmode 2020 – gesichtslos, aber sicher.

coronavirus Tagebuch von Effi

4 Comments

  1. Katrina

    Danke, dass du deine Gedanken zu der aktuellen Lage so offen und ehrlich teils. Ich fuehle mich in den Gedanken gespiegelt, denn so aehnlich sind sie auch in meinem. Vielleicht sollte ich sie auch niederschreiben in der Hoffnung, dass mein Kopf dann etwas ruhiger wird.
    Bleib gesund und alles Gute !!
    Katrina

    1. bohema

      Hallo Katarina!
      Schön, dass du dich in meinen Worten wiedergefunden hast. Ich denke, dass es wohl vielen ähnlich geht. Es tut einfach gut, was einem durch den Kopf geht, aufzuschreiben. Das würde ich dir sehr empfehlen, es ist so beruhigen, den Kopf zu “entleeren” und alle Zweifel, Gedanken udn Gefühle aufs Papier zu bringen. Ich wünsche dir alles Gute und dass du und deine Lieben gesund bleiben.

  2. Miha

    Hey! I just read your Pandemie-Tagebuch 🙂 After talking to you last night I decided to support you by reading your work.. I have to say.. Wasn’t sure if my German was good enough.. but had no problem at all with understanding.. I learned German for almost ten years.. But it’s not good enough for me to be able to write. Haven’t been using it really 🙂 However.. I just wanted to say that Peace and Quiet has always been a great source of strength and inspiration to me.. I hope this can be the one good aspect of this new situation with the streets being empty and the air being cleaner 🙂 ..that can affect your work and being in a good way. It is still kind of eerie though and the situation affects a sensitive and empathic person very heavily.. I know.. The pain and the inner storm can be transformed.. by devotion to and faith in goodness for example.. by faith in your self for example.. I’m sure you understand what I mean in your own unique way and that is the right way.. You are a precious, strong and beautiful being.. Be well. Much love to you*

    1. bohema

      Hi Miha, thank you for your kind and understanding words, you’ve really touched me. It’s amazing that you can read and understand my little diary. It means a lot to me. Thank you and I hope you can keep finding peace and calm in this situation. Lots of love to you from Graz.

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